Zu den Kuriositäten der vietnamesischen Geschichte gehört die Tatsache, dass die Vietnamesen trotz ihrer langen Küste niemals eine Seefahrer-Nation waren. Von vietnamesischen Küsten aus starteten keine Entdeckungs-Expeditionen, und auch keine Flotten - vietnamesische Eroberungsfeldzüge fanden fast immer über Land statt. Zwar gehört das Meer zum Gründungsmythos des Landes, und die Flüsse spielen eine zentrale Rolle, als Wasserspender und auch als Schlachtfelder (man denke an die Unabhängigkeitsschlacht am Bach-Dang-Fluss), aber alles in allem blieben die Vietnamesen mehr auf das Land konzentriert.
Lässt sich aus solchen Traditionen etwas für die Gegenwart ablesen?
Vielleicht ist es eine wissenschaftliche fragwürdige Verknüpfung zweier Tatsachen, aber bis heute sind die Vietnamesen keine besonders eifrigen Schwimmer. Wer sich in der Hanoier Großstadtbevölkerung umhört, stößt sehr häufig auf Menschen, die nicht schwimmen können. (Und selbst diejenigen, die angeblich schwimmen können, ziehen es vor, zu planschen, wie man in den Sommermonaten in den Schwimmbädern beobachten kann). Auf dem Land sieht die Sache nicht besser aus.
Die erschreckende Zahl dazu lautet: Jedes Jahr sterben etwa 3500 Kinder und Jugendliche durch Ertrinken. In Deuschland sind es in allen Alterklassen gerade mal knapp 500 Opfer pro Jahr - und davon sind die Hälfte über 50 Jahre. Die Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen liegt in Deutschland unter hundert.
Für Schlagzeilen sorgten jetzt wieder zwei Mädchen im Alter von 10 und 14 Jahren, die zusammen mit ihrer Großmutter Schnecken an einem Flussufer sammelten, und dabei ertranken. Keine der beiden konnte schwimmen. Dabei ist auch diese Schlagzeile eigentlich nur eine Momentaufnahme, denn täglich sterben durchschnittlich zehn Kinder in Vietnam durch Ertrinken.
Der Staat will nun handeln. Und was machen Politiker, wenn sie handeln wollen? Richtig, sie unterzeichnen erstmal Absichtserklärungen. 15 Provinzen haben auf Initiative von Unicef eine “Verpflichtung zur Reduzierung von Opferzahlen durch Ertrinken bei Kindern” unterzeichnet. Darin heißt es vor allem, solle das “Bewusstsein für die dringende Anforderung, Ertrinkungstode zu verhindern, geschärft werden”. Aha. Und es wird “dringende Aktion von Familien, Gemeinschaft und lokaler Verwaltung” gefordert. Und das Sozialministerium kündigte sogleich an, mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um all das zu überwachen.
Was genau da nun eigentlich getan und überwacht werden soll, bleibt eher im Dunkeln. Denn ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Kinder ertrinken, weil Eltern keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern. Weil sie arm sind, hart arbeiten müssen, oder vielleicht auch einfach schlechte Eltern sind. Ob Aktionspläne den Eltern mehr Zeit für ihre Kinder geben, scheint zumindest fraglich. Kinder ertrinken außerdem, weil es offenbar zu wenig Schwimmunterricht gibt. Nun braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass man in armen Provinzen, in denen Schulen noch nicht einmal anständige Unterrichtsmaterialien haben, nicht einfach morgen ein Schwimmbad bauen kann.
Stattdessen erklärt das Arbeitsministerium, andere Länder hätten enorme Erfolge erzielt, indem sie “mehr Zäune gebaut, Wasserlöcher unzugänglich gemacht, und die Bedeutung von Kinderaufsicht betont” hätten.
Hoffen wir das beste. Dass die Zahlen von ertrunkenen Kinder kurzfristig sinken, darf man allerdings zumindest bezweifeln.