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Bürokraten des Altertums

Im 15. Jahrhundert war es in Vietnam üblich, dass die Verwalter eines Landstriches entsprechend danach belohnt oder bestraft wurden, wie sehr sie bei den Bauern “beliebt” waren. Die Beliebtheit wurde mit Hilfe von Statistiken gemessen: Verließen während der Amtszeit der jeweiligen Mandarine besonders viele Bauern die Region, dann regierte der Mandarin offenbar schlecht, und wurde nicht befördert.

Wir lassen mal außer Acht, inwieweit dieses System konzeptionelle Schwächen gehabt haben musste, und lassen stattdessen einfach mal nur die Idee auf uns wirken.

Im fünfzehnten Jahrhundert! Zu einer Zeit, als man in Europa gerade zögerlich begann, Aristokratie und Feudalgesellschaft in Frage zu stellen, gab es in Ostasien bereits politische Systeme, die auf Beamtenherrschaft und Statistiken beruhten. Oder sich zumindest offiziell darauf beriefen. Selbst wenn wir, es sei nochmals gesagt, dieses System nicht mit den Bürokratien des 20. Jahrhunderts vergleichen können, zeigt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Asien und Europa auf: In Europa herrschte zu dieser Zeit noch, wer von Stand und Geburt gemäß dazu bestimmt war oder möglicherweise vom König erhoben wurde. In Asien regierten und verwalteten Menschen, die an wissenschaftlichen Prüfungen teilgenommen und diese bestanden hatten.

Anschließend wurde ihre Regierungsleistung mit Hilfe von Statistiken gemessen und bewertet. Das war sogar schon vor dem 15. Jahrhundert der Fall, damals allerdings nur etwa alle 15 Jahre, so dass für die Mandarine (= verwaltende Staatsbeamte) sehr viel Spielraum war. Nach 1471 wurde dieser Zeitraum auf drei Jahre reduziert. Die Idee stammte ursprünglich aus China, und auch das von China tausend Jahre lang regierte Vietnam litt teilweise darunter, dass besonders fähige chinesische Verwalter meist schnell wieder abgezogen wurden, um in “wichtigeren Provinzen” eingesetzt zu werden. Nach der Unabhängigkeit übernahm Vietnam diese Regierungsform dann selbst. Sie wurde vom 16. bis zum 19. Jahrhundert immer wieder geschwächt, durch Kriege, Umstürze oder Bürgerkriege. Völlig abgeschafft wurde die Idee nie.

Wir belassen es für heute bei diesem Gedanken, kommen aber möglicherweise auf das ostasiatische Mandarinat und seine Auswirkungen demnächst zurück.

(Eine kleine Anmerkung noch: Vor diesem Hintergrund erscheint der aus dem historischen Marxismus entlehnte vietnamesische Begriff eines “Feudalismus” in Vietnam erst recht fehl am Platze. Das hatte ich bereits einmal kurz aufgegriffen.)

Sprachschwierigkeiten

Eine der wiederkehrenden Überraschungen für Touristen in Vietnam ist die Tatsache, dass die Leute selbst in den Hotels oft nur recht rudimentär Englisch sprechen. Anders gesagt, Vietnamesen, die gut Englisch sprechen, haben einen besseren Job, als im Hotel arbeiten zu müssen. Das betrifft selbst die höherklassigen Etablissements.

Für alle Hanoier “Ausländer” wiederum gilt: Man ist ja hier im Ausland, also sollte man auch ein wenig die Landessprache pflegen. Aus diesen beiden Gründen habe ich gestern die Frau an der Rezeption auf Vietnamesisch nach dem Weg zum Konferenzraum gefragt.

Verständnislose Blicke.

Gut, das passiert dem Ausländer schon mal, dass die Vietnamesen sein Vietnamesisch nicht exakt verstehen. Mit den ganzen Betonungen und Tonhöhen und so. Gleiche Frage also nochmal. Ist ja nicht sonderlich kompliziert die Frage: “Wo bitte geht es zum Konferenzraum?”

Wieder ein fragender Blick, dann eine Erkenntnis in ihrem Gesicht und ein beschämter Blick mit Lächeln: “Sorry, I don’t speak Vietnamese.”

Äh, wie bitte?

Ein kurzer Blick auf das Namensschildchen am Revers offenbart, dass die Frau einen eindeutig japanischen Namen hat. Okay, ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in einer der großen japanischen Hotelketten in Hanoi, aber - hätte ich sowas denn ahnen können?

Durchblick

Wer schlecht sieht, kauft sich eine Brille. Denkt man. In Vietnam war das lange Zeit anders. In den 70er und 80er Jahren herrschte hier offenbar lange unter Eltern die fixe Idee vor: Wer eine Brille trägt, der schadet seinen Augen. Also haben viele Eltern versucht, ihre Kinder so lange wie möglich vom Brillentragen abzuhalten.

Alternative war: Man kaufte sehr wohl eine Brille, aber bewusst eine, die ein bis zwei Dioptrin unter der eigentlichen Sehstärke lag. Die Kinder trugen also Brille, und sahen trotzdem nicht. Eine Vietnamesin aus meinem erweiterten Bekanntenkreis hat es damit geschafft, innerhalb kürzester Zeit von “gut sehend” auf “minus acht Dioptrin” abzustürzen. (Das kann einem zwar auch sonst passieren, aber in diesem Fall hat die fehlende Brille sicherlich nicht geholfen.)

Bis heute sieht man verhältnismäßig wenig Brillen im Stadtbild, zumindest wenn ich es mit Deutschland vergleiche. Frauen mit Brille gelten immer noch als nicht sonderlich attraktiv, während Männer als “intelligent” gelten, und damit angeblich als gute Partie. (Was die Umkehrfrage erlaubt: Gelten Frauen mit Brille als unattraktiv, weil sie intelligent sind?).

Kontaktlinsen sind ebenfalls langsam im Kommen, allerdings wegen der Verhältnisse hier (sehr staubig, immer sehr viel Zugwind beim Motorradfahren) für viele Vietnamesen auch keine echte Alternative.
Die junge Dame von der vorhin die Rede war hat sich übrigens vor ein paar Jahren die Augen lasern lassen. Auch das ist hier recht in Mode. Über die Qualität der Operation kann ich nicht viel sagen. Wirklich zufrieden ist sie jedoch offensichtlich nicht.

Wasserschaden

Vietnam zieht den Großteil seiner Energie aus Wasserkraft. Da das Land (noch) keine Atomkraftwerke besitzt, bleibt gar nichts anderes übrig, als auf Wasser und Kohle zu setzen. Die stellenweise sehr bergige Landschaft und die vielen Flüsse machen das mit den Wasserkraftwerken relativ einfach. Besucher sind oft überrascht, wie umweltfreundlich so ein Entwicklungsland ist, weil es 60-70 Prozent seiner Energie aus Wasser gewinnt.

Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Die regelmäßigen Stromausfälle bei Niedrigwasser, sind eine andere, und die sozialen Folgekosten von Wasserkraftwerken, sind das eigentliche Problem. Wasserkraftwerke und Stauseen brauchen Platz. Viel Platz. Dem müssen die Anwohner meistens weichen.

Die Tageszeitung Thanh Nien hat Anfang Dezember einen sehr schönen und hintergründigen Bericht aus der Provinz Quang Nam gebracht. Quang Nam liegt in Südzentralvietnam, dort, wo das Land noch immer wie ein dünner Flaschenhals geformt ist, und die Provinzen auf der einen Seite ans Meer, und im Westen an Laos angrenzen. Touristen kennen Quang Nam (meist ohne es zu wissen), weil dort die berühmte alte Küstenstadt Hoi An liegt. Das Hinterland allerdings ist (wie viele Provinzen in Zentralvietnam) eher arm.

In Quang Nam stehen fast 60 Wasserkraftwerke. Nur mal zum Vergleich: Die Provinz ist halb so groß wie Hessen.

Die Zeitung berichtet über mehrere Dörfer, die vor kurzem umgesiedelt wurden. In einem Distrikt mussten für ein neues Kraftwerk rund 1300 Hektar Wald gerodet werden, in einem anderen gingen für ein weiteres Kraftwerk 1000 Hektar Ackerland verloren. Die Bewohner bekamen an anderer Stelle dafür pro Person anderthalb Hektar. Allerdings, wie sie jetzt klagen, auf deutlich unfruchtbareren Boden. Mehrere erzählen, sie würden derzeit noch immer täglich zu ihrem alten Boden zurückkehren, und dort (illegal) Nahrung anbauen. So lange, bis Baustelle oder Stausee das Land komplett zerstören. Eine andere Chance gebe es nicht, schließlich müssten sie ja von irgend etwas leben.

Als Entschädigung gab es vom Staat 10 Millionen pro Person. Dong, wohlgemerkt. Umgerechnet etwa 300 Euro. Das Geld reichte nach Aussage der Betroffenen für etwa ein Jahr und ist mittlerweile aufgebraucht. Für ein neues Haus am neuen Platz reichte es allerdings nicht.

Viele Lokalpolitiker sind ebenfalls sehr unzufrieden mit der Situation. Anstelle von ertragstätigen Bauern haben sie nämlich jetzt Sozialfälle am Hals. Ein Offizieller, der anonym bleiben wollte, beschwerte sich gegenüber Thanh Nien, dass die Umgesiedelten nichts zu tun hätten, und deswegen nun die Geburtenraten steil in die Höhe schössen. Desgleichen seien die Elektrizitätsrechnungen nach oben geklettert, wovon freilich nur die Elektro-Unternehmen und ihre Investoren profitierten: “Die Lokalbehörden haben stattdessen mit den Problem der Einwohner und mit allgemeinen sozialen Problemen zu kämpfen”, klagt der Mann.

Erkenntnisse zum Wetter

Ich habe zu Weihnachten eine kleine digitale Wetterstation geschenkt bekommen, die sowohl die Innen- als auch die Außentemperatur misst. Deswegen bin ich seit einigen Tagen um einige Erkenntnisse reicher. Beispielsweise: Es kann durchaus sein, dass selbst im schwülfeuchten oder kühlfeuchten Vietnam die Luftfeuchtigkeit innen höher ist als draußen. Beispielsweise: Innen 90 Prozent, draußen 75 Prozent. Da hilft dann sogar das Fenster öffnen, auch wenn man bei 75 Prozent eigentlich gar nicht das Fenster öffnen möchte.

Umgekehrter Fall ist allerdings auch schon aufgetreten. Zweite Erkenntnis: Meine Wohnung scheint erstaunlich gut isoliert zu sein. Obwohl die Temperatur derzeit nachts gerne mal auf 15 Grad Celsius sinkt, herrschen innerhalb meist angenehme 23 bis 24 Grad Celsius. Dritte Erkenntnis: 24 Grad wären mir in Deutschland viel zu warm, hier hingegen fühlen sie sich sogar noch recht kühl an. Keine Ahnung, warum.

Der Hahn

Oft fallen einem besondere Dinge auf, wenn man auf Reisen geht. Manchmal fallen sie einem auch auf, wenn man zurück kommt. Ich bin zurück. Seit Montag. Und seit Montag fällt mir auf, dass wir einen Hahn in der Nähe haben. Das weiß ich im Grunde schon lange. Ich habe ihn auch schon früher gehört. Irgendwie fällt er mir aber derzeit besonders auf.

Das kann einerseits daran liegen, dass ich es nach gemütlichen deutschen Kleinstädten plötzlich seltsam finde, ausgerechnet zurück im Großstadt-Moloch von Hahnengeschrei geweckt zu werden. Es könnte auch daran liegen, dass ich angesichts der Zeitverschiebung zurzeit gerne um 5 Uhr morgens wach werde. Da ist der Hahn dann auch schon wach, und kräht. So etwa bis 8 Uhr. Er hat eine ganz schöne Ausdauer.

Wer wissen will, warum manche Länder in Asien die Vogelgrippe nie in den Griff bekommen haben, der findet hier seine Antwort: Wenn Hähne schon in Hinterhöfen gehalten werden können…

Weihnachtspause

Dieser Blog macht drei Wochen Weihnachtspause. Das bedeutet, dass gelegentliche Einträge noch möglich sind, aber eher unwahrscheinlich. Und wenn doch, dann fallen sie vermutlich wieder überwiegend in die Kategorie “Wie seltsam ist doch Deutschland, wenn man zu lange in Vietnam gelebt hat”. Der Autor befindet sich nämlich auf Weihnachtsurlaub in diesem seltsamen Land, in dem Verkehr leise funktioniert (was für eine irrwitzige Annahme), und die Bürgersteige und Wohnviertel leer sind.

Im neuen Jahr geht es dann weiter, unter anderem hoffentlich mit Fortsetzungen der angekündigten Beiträge zu vietnamesischen Traditionen und ihren Veränderungen, sowie zu vietnamesischer Antike.

Die Schwiegereltern

Die Geschichte der jungen Frau mit ihrer Kurz-Heirat hat noch eine Fortsetzung. Gestern hab ich erfahren, dass die Schwiegereltern sie in einem längeren Telefongespräch davon überzeugen wollen, zurück zu kehren, und die Ehe fortzusetzen.

Wie würden deutsche Schwiegereltern in so einem Fall wohl argumentieren? Ich nehme mal an, sie würden sagen: Mädchen, unser Sohn ist doch eigentlich ganz prächtig, überleg’s dir doch nochmal. Gib ihm Zeit, das ist ein toller Kerl. So eine Scheidung hilft doch niemandem…

Die vietnamesischen Schwiegereltern haben stattdessen gesagt: Mädchen, es ist dein Schicksal, an einen Mann zu geraten, der noch eine andere liebt. Diesem Schicksal kannst du nicht entkommen, bei deinem nächsten Ehemann wird es genauso sein, also bleib doch lieber gleich bei unserem Sohn.

Und warum ist es ihr Schicksal?

Weil es ihr ja soeben schon einmal passiert ist. Das ist doch Beweis genug, oder?

Hartnäckige Traditionen

Als die Kommunistische Partei 1945, beziehungsweise eigentlich erst so richtig 1954 die Macht in Vietnam übernahm, war einer ihrer wichtigsten Programmpunkte die Beseitigung von Aberglauben und alten Riten. Dabei wurde besonders gerne Lenin zitiert: “Alte Bräuche sind jene Dinge, vor denen man am meisten Angst haben sollte.”

Das entbehrte in Vietnam Mitte des 20. Jahrhunderts auch nicht ganz der Logik, denn aus der Sicht der neuen Machthaber war schließlich die alte Gesellschaft Schuld an der Misere des Landes.

(Kurzer Exkurs: Ich benutze an dieser Stelle ungern den Begriff “Feudalgesellschaft”, weil der Begriff feudal exakt zu jener Zeit mit einer negativen Konnotation in Vietnam eingeführt wurde, um alles alte als “rückständig” zu beschreiben. Das hat sich bis heute gehalten, und in Vietnam benutzt man den Begriff feudal noch immer in diesem Kontext, außerdem beschreibt man damit pauschal mehr als 1000 Jahre Geschichte. Tatsächlich existierte in Vietnam allerdings niemals eine Feudalgesellschaft nach europäischer Definition. Es fehlte vor allem an den unabhängigen Fürsten, die tatsächlich unabhängig über ihre Besitztümer hätten regieren können. Die vietnamesischen Könige konnten sich fast durchgehend auf ihren Beamtenapparat (”Mandarine”) stützen. Einzige nennenswerte Ausnahme wäre möglicherweise die Zeit der streitenden Nord-Süd-Dynastien im 16. und 17. Jahrhundert. Ironischerweise kommen wir der Feudalgesellschaft vermutlich sogar am nächsten in der Zeit der chinesischen Herrschaft über Vietnam, also von 100 v.Chr. bis 900 n.Chr. Zeitweise herrschten hier die chinesischen Statthalter oder die vietnamesischen Fürsten in einem Modell, das den späteren Europäern recht nahe kommt. Diese Zeit ist aber wiederum meistens nicht gemeint, wenn in Vietnam der Begriff feudal auftaucht. Exkurs Ende.)

Die alte Moral habe vor allem dazu gedient, dem alten Regime Macht und Einfluss zu erhalten, konstatierte Ho Chi Minh. Der Aberglaube sei ein Mittel gewesen, um die Menschen dumm zu halten, damit man sie leichter regieren konnte. Konsequenterweise mussten die alten Moralvorstellungen über Bord geworfen werden, um Vietnam in die Zukunft zu führen.

Die Sozialisten setzten also folglich an die Stelle von alten Hierarchien ihre neue Idee von der Gleichheit der Gesellschaft. Das betraf zahlreiche Themen des Alltags, von der Heirat bis zur Trauerfeier. Überall sollten Gebräuche, in denen eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau oder Arm und Reich ausgedrückt wurde, abgeschafft werden. Nicht mehr Familie und private oder dörfliche Hierarchien sollten der Fixpunkt des eigenen Lebens werden, sondern die Arbeit für “Gemeinwohl” und “Gesellschaft”. An die Stelle von Aberglauben und Riten sollte die Wissenschaft treten, und der Fortschritt.

Vor allem in den 50er und 60er Jahren begannen deswegen weitreichende Kampagnen, deren Ziel es teilweise war, alte Gebräuche und Moralvorstellungen komplett umzukrempeln. Beispielsweise war geplant, alles was mit der “Geisterwelt” zu tun hatte, aus den Köpfen zu bekommen. Also sowohl die Sitte der Horoskope, als auch die Idee, dass nach dem Tod die Seele des Verstorbenen noch irgend einen Einfluss auf die Familie hat. Wer sich heute in Vietnam umschaut wird schnell feststellen, dass zumindest dieses Ziel eindeutig gescheitert ist. Die Aufgabe, jahrhundertealte oder gar jahrtausendalte Traditionen abzuschaffen, war offenbar doch zu groß.

In einigen Bereichen waren die Kampagnen jedoch erfolgreich. Beerdigungen und Hochzeiten laufen heute teilweise noch so ab, wie sie auch in vorrevolutionärer Zeit begangen wurden (inklusive einiger Bräuche, die eigentlich abgeschafft werden sollten), einige Teilbereiche sind jedoch nachhaltig verändert worden oder in Vergessenheit geraten. Man könnte jetzt darüber diskutieren, ob einige dieser Riten auch ohne die sozialistischen Kampagnen der Moderne zum Opfer gefallen wären, so wie auch in Europa vieles an Gebräuchen sich im modernen Leben immer weiter abschwächt. Da wir keine Parallel-Welt zum Vergleich haben, wäre eine solche Diskussion aber vermutlich fruchtlos.

Ein paar Beispiele für veränderte oder nicht veränderte Traditionen hoffentlich demnächst hier an dieser Stelle. Für alle Ungeduldigen gibt es hier eine Studie von Shaun Kingsley Malarney von 2002, der in zwei nordvietnamesischen Dörfern Fallstudien zu dem Thema betrieben hat.

Die Bekannte

Eine junge vietnamesische Bekannte Ende 20 hat dieses Jahr geheiratet. Zur Zeit bereitet sie gerade die Scheidungspapiere vor. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit. Der Fall zeigt leider gleich in mehrfacher Hinsicht alle möglichen Facetten, warum vieles rund um Liebe und Partnerschaft hier so schiefläuft.

Es fängt damit an, dass sie mir Anfang des Jahres erzählt hat, sie wolle diesen Mann heiraten. Auf die Frage, was denn so besonders ihm wäre, kam in etwa die Antwort: “Oh, er sorgt sehr gut für sich selbst und achtet sehr auf sich. Wenn er irgendwo hin verreist, dann packt er immer seinen Koffer selbst, und erkundigt sich auch vorher genau über den Ort, an den er hinreist.”

Das ist natürlich ein eindeutiges Plädoyer für lebenslanges Leben zusammen.

Es zeigt vor allem mal wieder: Junge Frauen Ende 20 stehen in Vietnam unter Stress. Wenn sie mit 30 noch nicht verheiratet sind, dann wird es doppelt schwer, einen Mann zu finden, weil die Schwiegereltern dann der Meinung sind, mit der Frau stimme irgend etwas nicht. Und auf die Schwiegereltern kommt es leider noch in hohem Maße an. Wie auch unsere Geschichte zeigt.

Der gute Mann hatte nämlich eine Vorgeschichte. Er war heiß verliebt in eine andere und wollte eigentlich diese heiraten. Das wusste meine Bekannte damals natürlich nicht. Seine Eltern allerdings hatten die andere Heirat verboten, weil, Achtung: Die Frau seines Herzens schon in jungen Jahren geschieden war und ein Kind hatte. Sowas heiratet man nicht, sagen Mama und Papa. Der Sohn fügt sich also, braucht jetzt aber dringend Ersatz.

Anders gesagt: Hier haben sich zwei gefunden, die ganz dringend auf der Suche waren. Wen genau man dann findet, scheint fast schon zweitrangig, hauptsache es findet sich jemand. Natürlich sah das vor der Hochzeit keiner von beiden so, das verbietet vermutlich allein die Selbstachtung.

Die Bekannte findet kurz vor der Hochzeit über die Verwicklung mit der Ex-Freundin heraus, aber will so kurz vorher die ganze Sache nicht abblasen. Außerdem schwört der Mann, mit der Ex sei alles vorbei.

Nach der Heirat findet die junge Frau plötzlich eine SMS, in der die Ex-Freundin ihr schreibt, und behauptet, der Mann liebe immer noch sie, und sie könne das auch beweisen, und außerdem sei er ständig bei ihr. Also genau die Art von Botschaft, die man drei Monate nach einer Hochzeit unbedingt bekommen will. Die Ehefrau stellt ihren Mann zur Rede, und der beschwert sich daraufhin, dass sie keine gute Ehefrau sei, und in der Ehe immer Widerworte gebe. Zur Sache selbst sagt er nichts, er streitet sie jedenfalls nicht ab, und entschuldigt sich auch nicht.

Das Ende vom Lied: Die junge Vietnamesin zieht vier Monate nach der Hochzeit aus dem Haus ihrer Schwiegereltern und ihres Ehemannes wieder aus. Ihr Vater führt ein langes Telefongespräch mit dem Schwiegersohn, bei dem der Schwiegersohn abermals vorwirft, die Tochter sei nicht gut erzogen, die gebe ja immer Widerworte. Anschließend ist auch der Vater der Meinung, dass das alles wohl zu nichts führe.

Deswegen werden jetzt Scheidungspapiere ausgefüllt.

Wohlgemerkt: Ehekrisen, Ex-Affären und getäuschte Liebschaften gibt es auch in Deutschland zu Hauf. Allerdings fehlt dort zumindest der Druck, innerhalb kurzer Zeit zu heiraten. Wäre die Hochzeit nicht gewesen, hätte man die ganze Sache wohl unter einem ganz normalen Fehlschlag abhaken können, wie man ihn eben erlebt, im Beziehungsalltag. So stehen jetzt am Ende nur Verlierer. Die junge Frau hatte Angst, zu spät zu heiraten, weil sie dann schwer vermittelbar ist, ist jetzt erst recht schwer vermittelbar, weil sie bald nicht nur über 30 sein wird, sondern auch noch geschieden. Die Schwiegereltern wollten unbedingt die falsche Heirat mit einer geschiedenen Person verhindern, und haben nun einen Sohn, der ebenfalls geschieden ist. Das ist bei Männern zwar nicht ganz so schlimm, aber es macht sie auf dem Markt auch nicht attraktiver.

Die einzigen, die sich möglicherweise freuen können, sind Ehemann und Exfreundin. Vielleicht dürfen sie ja jetzt endlich heiraten. Das hätte man natürlich alles auch einfacher haben können, und dabei deutlich weniger Menschen geschadet.

Dass ganz am Anfang dieser Geschichte ebenfalls eine Frau stand, die offenbar zu früh geheiratet und dann scheiden lassen hat (nämlich besagte Exfreundin), ist wohl nur das Ironie-I-Tüpfelchen auf der ganzen Sache.

Es unterstreicht natürlich auch, wie gesellschaftliche Regeln dazu führen, dass gewisse Probleme in einer Art Endlosschleife fortgesetzt werden.

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