Welche Bücher ich lese
Mai 26th, 2009 von ngungon
In der Vergangenheit haben mich immer wieder mal Leser nach Literaturtipps zum Thema Vietnam gefragt. Umgekehrt ist es mir in den vergangenen Monaten ein paar Mal passiert, dass ich ein Buch in der Hand hatte, welches ich gerne allgemein weiterempfohlen hätte, aber keine rechte Verbindung zu Vietnam sah, und den Blog deswegen nicht als passende Stelle empfand.
Diese Seite hier soll jetzt beide Wünsche zumindest teilweise auffangen. Ich werde hier alles auflisten, was ich gerade lese, oder gerade gelesen habe. Das wird, es sei hier ausdrücklich betont, nicht nur Vietnam betreffen, sondern vermutlich alles. Auch Belletristik. Aber es wird sich sicherlich eine ganze Menge an Literatur über Asien und Vietnam hier einfinden.
Vorausgesetzt ich pflege die Seite regelmäßig.
Was ich gerade lese
Cherian George: Singapore. The Air-Conditioned Nation. Essays on the politics of comfort and control. 2000.Singapur fasziniert mich seit meinem Abstecher dorthin. Vor allem als politisches Gebilde. Ein Zwergstaat, der eigentlich kein Einparteienstaat ist, aber irgendwie doch. Ein moderner Industriestaat, in dem die Bürger freiwillig auf ihre Rechte verzichten. Ein Staat, der in sämtlichen Korruptionslisten glänzend dasteht, der in Umweltschutz investiert, und gleichzeitig die Klimaanlage zur Erfindung des Jahrhunderts erklärt hat. Und der ein Schmelztigel aus Chinesen, Malayen, Indern und Eurasiern ist. Ein Singapur ohne Singapuris.
Das Buch ist von einem ehemaligen singapurischen Journalisten geschrieben, und teilweise eine Ansammlung seiner publizierten Essays, was für Nicht-Bewohner dann gelegentlich zu sehr ins Detail geht. Er beleuchtet vor allem die 90er Jahre mit kurzen, gut geschriebenen Kapiteln. Besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage nach Identität, nach Staatskontrolle und nach der Messbarkeit von politischem Erfolg. Gekauft nach einem wahllosen Griff ins Bücherregal einer Buchhandlung in Singapur. Einem, im wahrsten Sinne des Wortes: Glücksgriff.
JP Daughton: An Empire Divided. Religion, Republicanism, and the Making of the French Colonialism, 1880-1914. Oxford University Press, 2006.
Für Spezialisten. Eine Fallstudie zum Verhältnis zwischen katholischer Kirche und französischer Kolonialadministration um die Jahrhundertwende. Anhand von drei exemplarischen Untersuchungen in Vietnam, den Pazifik-Inseln und Madagaskar. Fazit der Studie ist, kurz gesagt, dass das Verhältnis phasenweise sehr gespannt war, weil das Frankreich der III. Republik mit der Kirche nun eigentlich so gar nichts am Hut hatte. Interessanter Einblick in koloniale Strukturen. Ich bin eigentlich schon fast fertig, aber irgendwie im dritten Teil mit Magadaskar hängengeblieben. Muss ich mal zu Ende lesen…
Was ich 2009 bereits gelesen habe
The Cambridge History of Southeast Asia. Volume One, Part Two. From 1500 to 1800. Cambridge University Press, 1992.
Der Titel klingt nach äußerst schwerfälliger historischer Lektüre, aber das Gegenteil ist der Fall. Obwohl wissenschaftlich gründlich recherchiert ist diese “Cambridge History” sehr angenehm zu lesen. Allerdings geht sie auch sehr ins Detail. Gedacht also eher für denjenigen, der sich wirklich für Geschichte und Südostasien interessiert.
Lobenswert: Das Buch ist nicht in Länderkapitel unterteilt, sondern versucht tatsächlich, einen Rundumschlag über die Region zu liefern, anhand von breiteren Themen wie “Wirtschaftliche Entwicklung”, “Religion” oder “Adaption neuer Ideen”. Dabei fällt dann aber doch ein wenig auf, dass trotz einiger Gemeinsamkeiten Unterschiede bestehen zwischen Festland (Burma, Thailand, Kambodscha, Vietnam) und dem Insel-Südostasien (das heutige Indonesien, Malaysia, Philippinen). Und Vietnam scheint bei all dem nochmal ganz besonders seinen eigenen Weg zu gehen, unter anderem durch den starken chinesischen und konfuzianischen Einfluss.
Das Taschenbuch ist eigentlich nur der zweite Teil einer Hardcover-Ausgabe, die sich von den Anfängen bis 1800 widmet, aber gerade die Zeit zwischen 1500 und 1800 ist äußerst spannend. Es ist eine Zeit, in der Südostasien in ein frühes, globales Handelsnetz mit hineingezogen wird, und einen Aufschwung erlebt (da sage noch jemand, Globalisierung sei etwas neumodisches), dem vom 17. Jahrhundert eine Wirtschaftskrise folgt, weil die meisten Staaten es nicht schaffen, den schmalen Grat zwischen freiem Handel, Reichtum und Staatsmacht zu finden. Wer wissen will, warum Asien gegenüber Europa im 19. Jahrhundert schließlich unterlegen ist: Hier finden sich Ansätze von Antworten.
Sehr lesenswert, für Geschichtsinteressierte.
Richard Munz: Im Zentrum der Katastrophe. Was es wirklich bedeutet, vor Ort zu helfen. Campus Verlag, 2007.
Ein Buch, das jedem wärmstens in den Vorweihnachtstagen zu empfehlen ist, wenn wieder die Werbe-Broschüren der Hilfsorganisationen auf einen einprasseln. Autor Munz ist Notfallarzt und selbst seit über 20 Jahren in Katastrophengebieten im Einsatz, vor allem für das Rote Kreuz. Er erzählt dem Leser, warum Hilfsorganisationen oft die Wahrheit verdrehen müssen, um überhaupt an Spendengelder zu kommen, und warum die Medien so gerne darauf hereinfallen.
Dabei verfolgt Munz ein klares und unterstützenswertes Ziel: Er ist der Meinung, dass die Hilfsorgansiationen langfristig mehr Unterstützung bekommen würden, wenn sie gradliniger und ehrlicher sind. Dazu räumt er mit verschiedenen “Mythen” auf, die immer wieder in der Katastrophenberichterstattung auftauchen. Er erklärt, warum die wichtigste Arbeit deutscher Hilfskräfte das Aufstellen von Toiletten ist (womit sich aber weder Fernsehbilder noch Spendengelder machen lassen), warum Notfallchirurgen meist völlig überflüssig sind (im Gegensatz zu Hebammen oder Allgemeinmedizinern), und warum die wichtigsten Helfer die Einheimischen vor Ort sind, und nicht die eingeflogenen ärtzlichen “Superhelden”, die selbst bei bester Planung oft erst nach zwei Wochen eintreffen können.
Vieles davon ist ziemlich desillusionierend, einiges wirft kein gutes Licht auf die Arbeit der Medien, aber bei aller Kritik bleibt Munz immer fair, und mit einem konstruktiven Ziel vor Augen. Wenn man das Buch gelesen hat, wird man trotzdem noch spenden wollen, aber man weiß sehr viel genauer, warum und wieso.
Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind. Als West-Korrespondent in der DDR. Osburg Verlag, 2008.
“West-Journalist” Pragal fasst in den 70er Jahren den Entschluss, bewusst mit der ganzen Familie nach Ost-Berlin zu ziehen, und seinen Sohn sogar dort auf eine staatliche Schule zu schicken, weil er nicht als einer von außen berichten möchte, sondern weil er Land und vor allem Leute verstehen möchte.
Damit stürzt er, wie die Stasi-Akten nachträglich verraten, den Geheimdienst zunächst in Verwirrung. Überhaupt ist das Buch ein sehr schönes Beispiel dafür, wie paranoid Geheimdienste werden können, aber das ist wohl irgendwie auch Teil ihrer Aufgabe und liegt in ihrer Natur. Umgekehrt erhält das Buch seinen eigentlichen Schub durch die Tatsache, dass mit Hilfe der geöffneten Archive zwei Sichtweisen gegeneinander geschnitten und erzählt werden können: Seine eigene, und jene der DDR-Berichterstatter über ihn.
Zusätzlich zeichnet Pragal ein sehr einfühlsames Bild der DDR-Bewohner. Und geizt nicht mit Anekdoten darüber, wie kurios bisweilen ein Leben im “anderen Deutschland” sein konnte. Als jemand, der gerade in Asien lebt, kommen mir manche Schwierigkeiten, Alltagsprobleme und Missverständnisse sogar frappant vertraut vor, obwohl Pragal doch “nur” im Nachbarstaat lebte, und sogar noch in einem der trotzdem noch Deutschland war.
John Steinbeck: Die Reise mit Charley. Auf der Suche nach Amerika. 1961.
Bettina Gaus: Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land. Eichborn, 2008.
Die beiden Bücher gehören im Grunde zusammen. Gaus begibt sich 2008 auf die Spuren von Steinbeck. Dass ihr Untertitel seinen Titel kopiert, ist kein Zufall, sondern Programm. Passend zu den letzten Zügen der Präsidentewahl habe ich mir einfach beide durchgelesen. John Steinbeck zeichnet aus den USA der 60er Jahre ein sehr faszinierendes Bild einer Reise im Wohnmobil einmal an der Grenze entlang (in einer Zeit, als es das Wohnmobil eigentlich noch gar nicht richtig gab). Gaus macht 47 Jahre später genau dasselbe, und spart dabei bewusst die Großstädte aus, um etwas über das ländliche Amerika zu erzählen.
Beides sind Reiseberichte, sie leben von den Begegnungen und Zufallsbegegnungen, beide sind natürlich trotzdem nicht einfach nur Tagebücher, sondern sind bewusst anschließend zusammengestellt. Gaus sucht verzweifelt einen echten Bush-Anhänger, und findet keinen einzigen. Steinbeck wiederum war damals genauso auf einer Reise ins eigene Ich, wie auf einer in ein vom Wahlkampf Nixon-Kennedy zerrissenes Land. Und er gelang am Ende zu der Erkenntnis: “Wenn ich etwas zu kritisieren und zu beklagen fand, dann waren es Tendenzen, die sich genauso in mir selbst finden.”
Gerade weil beide dem Normalbürger, dem Kleinstadtmenschen und dem einfachen Mann soviel Raum geben, zwei sehr schöne Bücher, die vielleicht viel mehr über die USA verraten, als endlos Nachrichten mit US-Regierungspolitik.
Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Wallstein Verlag, 2008.
Hat aus meiner Sicht bereits jetzt das Zeug zum Klassiker, und könnte in zehn Jahren (oder jetzt schon) im Schulunterricht gelesen werden. Hätte auch die richtige Länge (weniger als 200 kleine Seiten), hat allerdings auch ein paar versprengte Szenen, die von Sex und Gewalt handeln, was die ganze Sache wohl wieder etwas schwierig macht.
Setting: Der Bürgerkrieg in Ruanda. Hauptdarsteller: Die Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe. Thema: Wie man das Gute tun will, und auf perfide, ironische Weise, doch immer das Böse dabei herauskommt. Sollte jeder Mitarbeiter der Entwicklungszusammenarbeit in seinem Schrank haben. Nein, falsch: Sollte jeder Mitarbeiter der EZ gelesen haben (und nicht nur einfach im Schrank), und sich dabei fragen, was denn eigentlich seine persönliche Motivation ist, um Entwicklungshilfe zu betreiben. Ein paar Selbstlügen und falsche Motivationen werden im Buch nämlich ziemlich schonungslos entlarvt. Aber Bärfuss ist ein viel zu eleganter Autor, als dass er mit billigen Vorwürfen und schnellen Anschuldigungen um sich schmeißen würde. Das tief beunruhigende an dem Buch ist, dass man beim Lesen das Gefühl nicht los wird, man selbst hätte vielleicht auch nicht anders gehandelt.
Ich war anfangs skeptisch, ob man ein solch aktuell-politisches Thema überhaupt in einer Art fiktivem Historienroman richtig packen kann. Bärfuss beweist, dass das sehr gut geht. Die handelnden Personen sind erfunden - das macht sie aber nicht weniger lebensecht. Eher im Gegenteil.
George RR Martin: Fevre Dream. 1982.
Ich bin normalerweise kein Freund von Vampir-Romanen, aber das hier ist ein kleines Schmuckstück, wenn nicht gar ein Meisterwerk. Was sicherlich auch an dem faszinierenden und ungewöhnlichen Setting liegt: Den 50er bis 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA, zur Zeit der großen Dampfschiffe. Irgendwie passen die düsteren Vampir-Gestalten, die sich erst nach und nach aus der Geschichte herausschälen, wunderbar in die Umgebung eines schwülen und lasterhafen New Orleans, oder eines mit Spiegeln und Lüstern verzierten Speisesaals auf einem Dampfschiff.
Und dann schafft Martin es auch noch, dem verstaubten Vampir-Mythos eine herrlich erfrischende Note zu geben, und ihn völlig neu zu definieren und zu erfinden.
George RR Martin: A Game of Thrones. (re-read)
George RR Martin: A Clash of Kings. (re-read)
Habe ich jetzt glaube ich zum dritten Mal durchgelesen. Nach wie vor mit das Beste, was zeitgenössische Fantasy zu bieten hat. Oder sogar das Beste. Wer wirklich wissen will, welche Kraft, Eleganz und Moral in dem Genre drinsteckt, der lese. Vor allem durch seinen schriftstellerischen Trick, die Geschichte aus verschiedenen Erzählperspektiven voranzutreiben, gewinnt die Serie ihre eigentliche Stärke. Und durch ihren fast vollständigen Verzicht auf einige typischen Fantasy-topoi, wie Magie oder Fabelwesen. Diese Welt ist im besten Sinne des Wortes gleichzeitig phantastisch und erschreckend real.
Terry Pratchett: The Amazing Maurice and his Educated Rodents. 2001.
Die Carnegie-Medaille hat er für dieses Buch erhalten, ich wäre der Meinung, dass man ihm doch bitte für sein Lebenswerk noch den Nobelpreis hinterher reichen soll, aber für bierernste Nobel-Juroren ist Pratchetts Werk vermutlich Teufelszeug. Im vorliegenden Buch zeigt er jedenfalls zusätzlich, wie schon ein paar Mal zuvor, sein Talent als Kinderbuchautor. (Und meiner Meinung nach, ist es eine verdammt hohe Kunst, gute Kinderbücher zu schreiben. Ein gutes Kinderbuch ist automatisch auch ein gutes Buch für Erwachsene. Nur muss man sich als Autor von seinen eigenen schriftstellerischen Eitelkeiten verabschieden.)
In “Maurice” verpackt Pratchett in gewohner Manier zahlreiche irdische Mythen und Ideen auf seine Scheibenwelt, und spinnt sie auf seine Art und Weise weiter, oder denkt sie logisch zu Ende. Diesmal ist es zuallererst die Fabel vom Rattenfänger von Hameln, und die Frage: Warum sollten Ratten eigentlich einem Flötenspieler folgen? Und lässt sich damit umgekehrt nicht ein Haufen Geld verdienen? Vorausgesetzt, man ist eine Gruppe sehr schlauer Ratten, die zufällig einen Flötenspieler zur Verfügung hat?
Auf dem Buecherbasar Ihres Vertrauens
http://www.perlentaucher.de/buch/30455.html
im Tausch gegen
The Cambridge History of Southeast Asia